Dieses Essay behandelt das Thema Boas und seine Nachfolger. In ihm charakterisiere ich den Ansatz, der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Unter anderem stelle ich dar, wodurch sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung auszeichnet und auch wie die NachfolgerInnen dieser Richtung versuchten diesen Ansatz weiterzuentwickeln?
Im 1. Abschnitt charakterisiere ich den Ansatz, der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Franz Boas (1858 – 1942), ein jüdischer Geograph, einst von Deutschland in die USA ausgewandert, wurde dort zum Vater der Modern Cultural Anthropologie und begründete die amerikanische Alternative zur Völkerkunde, „Four-Field-Approach“, welche die linguistische, archäologische, sozial-/kultur- und physiologische Anthropologie beinhaltet. Er legt einen besonderen Wert auf die Sprache. Dies wird deutlich in seiner Boasischen Grundannahme.
Kultur ist wie Sprache, wenn man nicht zu ihr gehört, versteht man sie nicht.
Sprache ist Mittel der Kultur.
Die Kultur drückt sich durch Sprache aus.
Sowohl „Four-Field-Approach“ als auch „Kultur ist wie Sprache“ sind zwei Grundgedanken die Boas seinen nächsten Generationen vermittelte. [1]
Außerdem wurden, wie es Sydel Silvermann, in seinem Buch „One Diciplin, Four Ways“ , berichtet, zwei weitere Aspekte von Boas Denken an seine nächste Schüler Generation weitergegeben: zum einen der Historische Aspekt, der von der 1. Generation übernommen wurde und zum anderen der Psychologische Aspekt,welcher von der 2. Generation weiterentwickelt wurde.
Aus Kritik am Evolutionismus entstand unter Boas der Kulturrelativismus als anthropologische Richtung in Nordamerika. Durch seine Feldforschungen stellte Boas fest, dass der Evolutionismus Mängel aufwies. Er entdeckte, dass die Jäger und Sammler der Kwakiutel über einen Überfluss an Ressourcen verfügten, ohne in die nächst höher Stufe der Sesshaftwerdung überzugehen. Sie hatten sogar soviel übrig, dass sie es beim Potlatsch verschenkten oder zerstörten. Bereits vor ihrer Sesshaftwerdung entwickelten diese Stämme Formen der Sklavenhaltung, was dem Stand der evolutionistischen Ansichten nicht entsprach. Der Kulturrelativismus steht auch mit dem Holismus in engem Zusammenhang; eine Ansicht, bei der man eine fremde Kultur als Ganzheit aufnimmt und davon absieht, sie zu bewerten oder zu vergleichen. Demnach versteht man kulturelle Phänomene nur aus sich selbst heraus. Weiterhin entwickelte Boas den historischen Partikularismus. Demnach hat jede Kultur eine einzigartige Geschichte und Entwicklung. Boas sieht davon ab, allgemeine Gesetze über eine Kultur zu schaffen, sondern diese spezifisch zu untersuchen. [2]
Der 2. Abschnitt befasst sich damit, wie sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung auszeichnet.
Beim Kulturrelativismus sind die Gemeinsamkeiten zweier Kulturen unrelevant, aber die Unterschiede zwischen den beiden von Bedeutung.
Der Gegensatz dazu ist der Universalismus. [1]
„Nach Boas ist jede Kultur relativ, d. h. nur aus sich selbst heraus erfahr- und erklärbar. Für Nicht-Spezialisten lässt sich eine fremde Kultur nicht erklären und erfahren. Kulturen sind demnach auch niemals vergleichbar. Es entwickelte sich aus dieser Anschauung ein harter und ein weicher Kulturrelativismus.“ [3]
Beim weichen Kulturrelativismus geht man von der Individualität jeder Kultur aus, lässt aber trotzdem Gemeinsamkeiten zu. Dies ist auch die Prämisse der heutigen Kultur- & Sozialanthropologie. Boas selbst vertritt den weichen Kulturrelativismus. Der harte Kulturrelativismus geht zwar ebenfalls von der Individualität jeder Kultur aus, lässt Gemeinsamkeiten jedoch nicht zu. [4]
Im 3. Abschnitt meines Essays stelle ich dar, wie die NachfolgerInnen dieser Richtung versuchten diesen Ansatz weiterzuentwickeln.
Die 1. Generation von Boas Schülern waren der harte Kulturrelativist Alfred L. Kroeber (1876 – 1960), welcher „[...] als "Gralshüter" dessen Erbes [...]“ [5]
gilt und der weiche Kulturrelativist Robert Lowie (1883 – 1957), der bedeutendste Vertreter Boas. Lowie´s Werke sind noch heute relevant. Er stellte die Lokalgeschichte von Kulturen besonders dar und vertrat die Ansicht, Kultur sei dynamisch und durch Kunst und Sprache veränderbar. Kroebers Arbeiten sind kritisch zu lesen, da er die kulturellen Unterschiede zu sehr überbetonte. Kroeber versuchte das kulturrelativistische Element Boas in seinen eigenen Werken zu verstärken. Sein bekanntester Artikel ist „Das Super-Organische“. Darin betrachtet er Kultur als etwas „jenseits des Organischen“. Das Überorganische der Kultur sei das ausschließlich Ideelle und konzentriere sich demzufolge in "key symbols". Durch diese lässt sich Kultur festmachen. [4]
Zur 2.Generation von Boas Schülern zählen unter anderem Edward Sapir (1884 – 1939), der mit seinem Schüler Benjamin Lee Whorf (1897-1941) die Linguistische Relativitätstheorie aufstellte , auch bekannt als Sapir-Whorf- Hypothese. Diese besagt, dass Sprache, Denken und Wirklichkeit eine Einheit bilden, da man durch die eigene Sprache die Welt anders wahr nimmt, als jemand der eine fremde Sprache spricht. Die Sprache beeinflusst die Art und Weise des Denkens. Sapir setzt Boas sprachwissenschaftliches Erbe fort und gilt als Begründer der linguistischen Anthropologie. Beide vertreten den harten Kulturrelativismus. [1]
Die zwei populärsten Kulturanthropologinnen unseres Faches Ruth Benedict (1887 – 1948) und Margaret Mead (1901 – 1978) entsprangen auch der 2. Schülergeneration Boas und vertreten den harten Kulturrelativismus, sowie die Holistische Sichtweise (welche bereits Boas vertrat). Benedicts „Patterns of Culture“ (1943) und Meads „Coming of Age in Samoa“ sind bis heute die Bestseller, wobei ihr übersteigerter Kulturrelativismus, sowie Meads ethnographische Ungenauigkeit, stark kritisiert wurden. Meads Werk brachte die sexuell prüde amerikanische Kultur den unbefangenen Liebesspielen der Jugend von Samoa nahe und regte eine Hinterfragung der amerikanischen Werte an. [1]
Benedict fand heraus, das jede Kultur ihr "pattern of culture" hat und es nur eine beschränkte Anzahl von Kulturtypen gibt. Demzufolge stehe jeder Kultur eine Reihe von Kulturelementen zur Verfügung. Bestimmte Merkmale würden sich aus diesem Pool von Kulturelementen ausprägen. Kulturbildung ist demnach die Auswahl plus Integration, daher gäbe es auch immer Kulturwandel. Benedict ist der Ansicht, dass Kultur nicht biologisch bedingt sei, sondern durch Tradition weitergegeben wird. [1]
„Eine zentrale Voraussetzung für Veränderungen ist die Erkenntnis „unserer eigenen Kultur ... (als) nur eine von unzähligen andersartigen Gestaltungsmöglichkeiten menschlicher Kultur“ (R. Benedict 1955, 182).“[6]
Mead und Benedict gründeten mit weiteren Kollegen die Culture and Personality Richtung - die Kultur und Persönlichkeitslehre. Durch diese Richtung kam es während des 2. Weltkrieges zur Instrumentalisierung der Anthropologie für Kriegszwecke der USA gegen Japan. 1946 schrieb Benedict “The Crysanthenum and the Sword“, eine Nationalcharakterstudie über Japan im Auftrag der OWI um die japanische Kultur zu verstehen und zu zerstören. Ruth Benedict schrieb eine Anleitung dazu, wie das amerikanische Heer am besten strategisch gegen Japan vorgehen kann.
Kaum zu glauben, dass, obwohl der harte Kulturrelativismus in unserer heutigen Zeit heftig kritisiert wird und für uns Anthropologen die Prämisse des weichen Kulturrelativismus gelten soll, dennoch im 21. Jahrhundert, in der Nordamerikanischen Kulturanthropologie, dasselbe passiert, wie zu Zeiten des 2. Weltkrieges. Kulturanthropologisches Wissen, also Charakterstudien der Culture und Personality Richtung werden von den USA zu Kriegszwecken gegen andere Kulturen, in dem Fall nicht Japan, sondern im Krieg gegen den Irak genutzt. Das 1973 veröffentlichte Werk “The Arab Mind” von dem Kulturanthropologen Raphael Patai charakterisierte die arabische Persönlichkeit, vor allem was die Bereiche Religion, Ehre und Sexualität betrifft. Darauf stützte sich die CIA, bei der Ausbildung ihrer Soldaten für den Irakkrieg. [1]
Durch die zwei folgenden Zitate möchte ich ihnen die Problematik und die Gefahr der Ausnutzung der Fakten aus dem Buch “ The Arab Mind”, welche von Amerikanischen Soldaten im Krieg gegen den Irak angewendet werden, verdeutlichen.
“Getreu, der Bush-Aussage, dass Al-Quaida-Terroristen und Vergleichbare als nicht unter die Schutz-Bestimmung der Genfer Konvention fallend betrachtet werden, wurde vom Pentagon für deren Vernehmung ein “Special Acess Program” (SAP) entwickelt, welches von CIA, NSA, auch von Condeleeza Rice gebilligt wurde; der Präsident wurde informiert. Ideologische Grundlage für sexualisierte Verhörmethoden sei die “bible of neocons on Arab behavior”, das Buch “The Arab Mind” (Raphael Patai,1973).Demnach sei die sexuelle Entwürdigung fotographisch dokumentiert, verbunden mit der Drohung der Offenbarung gegenüber Familien-Angehörigen, die wirksame Erpressung.” [7]
“[...] die eindeutige zweideutige Haltung zu Menschenrechtsverletzungen im Dienste der “guten Sache” könnte eben auch die Misshandlungen rechtfertigen. Nach Hersch wurde bei den Neokonservativen das Buch des Kulturanthropologen Raphael Patai “The Arab Mind” vor dem Irak-Krieg zu einer Art Bibel für den Umgang mit den Arabern. Patai erläutert, warum Sexualität für die Araber so ein wichtiges und gleichzeitig verzwicktes Thema ist, das streng privat gehandhabt wird. Daher wurde die sexuelle Demütigung mitsamt den Aufnahmen zu einer Strategie, um die Gefangenen gefügig zu machen und auch nach der Freilassung zum Spionieren erpressen zu können, wenn sie nicht wollten, dass die Fotos von ihnen in Umlauf kommen. So könnte man an die Informanten kommen, die die Amerikaner bislang nicht finden konnten.” [8]
Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass ein harte Kulturrelativismus verbunden mit Persönlichkeits- und Charakterstudien, wie in den Fällen der Kulturanthropologen Benedict und Patai, gefährlich sind, da die Unterschiede einer fremden Kultur zur eigenen im Vordergrund stehen und Gemeinsamkeiten keine Relevanz haben. Die Instrumentalisierung dieses Wissens für Kriegszwecke schadet einer fremden Kultur, da sie leichter angreifbar ist und lässt, dadurch das keine Gemeinsamkeiten auftreten, das Mitgefühl der z.B. mit dem Werk “The Arab Mind” ausgebildeten Soldaten schwinden. Auch wenn ich vor den Werken der beiden Kulturanthropologen Respekt habe, da sie ja zweifelsfrei gut recherchiert und die andere Kultur bis auf die nackte Haut und sogar ihre Gedanken aufzeigen konnten - ich hinterfrage ihre ethische Moral, denn ihre Werke sind die Grundlage für grausame menschliche Taten an einer anderen Kultur, Verbrechen an Menschen.
Die 3.Generation bildete die Gegenbewegung zu der von ihnen kritisierten Verhärtung des Relativismus. Es kam zum wissenschaftlichen Paradigmenwechsel der Grundannahme, also einer Neuorientierung. Hierbei trat der Universalismus in den Vordergrund und wies den Relativismus erstmals in die Schranken. Nicht mehr die Unterschiede zwischen den Kulturen waren relevant, sondern die Gemeinsamkeiten sollten im Vordergrund stehen; dafür gab es sowohl zeitgeschichtliche, sowie inneruniversitäre Gründe. Der Universalismus entsprang dem Ende des 2. Weltkrieges und der anschließenden Friedensphase. Viele US Soldaten studierten unentgeltlich an den Universitäten. aufgrund ihrer dramatischen Kriegserfahrungen veränderte sich ihr bisheriges Weltbild und es gab ein wachsendes Interesse an anderen Kulturen und Anthropologie. [9]
Zu meinem Erstaunen, wurde der harte Kulturrelativismus, wie ich bereits mit dem Beispiel “The Arab Mind” erwähnt habe, im 21.Jahundert wieder aufgegriffen.
Zur 3. Generation zählen die Schüler von Benedict und Mead, Julien Steward (1902 – 1972) und Lesslie A. White (1900 – 1975), welche die Begründer der Umweltbezogenen Anthropologie sind. Sie wendeten sich zum Neoevolutionismus, den Steward begründete, denn sie wollten die intensive Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur. Neoevolutionismus deshalb, weil sich auch schon der Evolutionist Morgan damit befasst hatte. Im Gegensatz zu Morgan, der das Konzept der Unilinearen Evolution vertrat, war es für Steward das Konzept der Multilinearen Evolution, das zu vertreten sei.
White stellte zwei Meriten fest:
1.Kultur ist ein Konzept, dass sich auf Symbole bezieht.
2. Das Whites Law: die Komplexität der Auseinandersetzung mit der natürlichen Umwelt, ist messbar an der Umwandlung der Energie.
Eine ihrer bedeutendsten Schülerinnen war Eleanor Leacock.
Auch George P. Murdock (1897–1985) gehörte der 3. Generation Boas an, wendete sich ebenfalls vom Kulturrelativismus Boas ab und gab sich dem Universalismus hin. Durch seine Entwicklung der ersten Ethnographischen Datenbank (HRAF) verschaffte er vielen Ethnologen, aber auch fächerübergreifend, Zugang zu Informationen über Kulturen.
Auch nach der Abwendung vom Kulturrelativismus ist zu beachten, dass
ein zu starker Universalismus ethnozentrisch ist, da die Gefahr besteht, dass die USA und Europa als Maßstab aller Kulturen angesehen werden. [9]
Laut Herrn Professor Dr. Gingrich ist ein schwacher Universalismus und eine weicher Kulturrelativismus eine gute Mischung. Dieser Meinung schließe ich mich an, da ich finde, dass Kulturen sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten aufweisen. Wie ich in meinem Essay bereits erwähnt habe, birgt ein harter Kulturrelativismus viele Gefahren und wirkt ethnozentrisch, da er nur die Unterschiede von Kulturen aufzeigt und uns zur Abgrenzung verleitet. Ein starker Universalismus wirkt sich ebenfalls ethnozentrisch aus und würde die eigene Kultur als Maßstab aller Kulturen stark manifestieren. Es ist wichtig, nicht von Kultur als abstrakten Begriff zu reden, sondern die Menschen hinter jeder Kultur zu sehen. Jeder Mensch ist einzigartig. Betreiben wir jedoch beide Richtungen zu stark, erkennen wir unseren Gegenüber nicht mehr als gleichwertigen, wenn auch als individuellen Menschen an.
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Quellen:
[1] Vgl.: Eigene Mitschrift der Vorlesung von Prof. Dr. A. Gingrich zur Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie zum Thema: Die Nordamerikanische Anthropologie Teil 1, Universität Wien: WS 2005/ 2006.
[2] Vgl.: Eigene Mitschrift des Tutoriums: Einführung in die Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie, Universität Wien: 09.12.2005.
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Kroeber, Stand :03.12.2005.
[4] Vgl.: Eigene Mitschrift der Vorlesung von Prof. Dr. A. Gingrich zur Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie zum Thema: Die Nordamerikanische Anthropologie Teil 1 & 2, Universität Wien: WS 2005/ 2006.
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Kroeber. Stand :03.12.2005
[6] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/kulturrelativismus.html Stand:03.12.2005
[7] http://www.geopowers.com/Machte/Irak/Irak.html. Stand: 02.01.2006
[8] http://www.heise.de/tp/r4/artikel1/17/17440/1.html. Stand: 02.01.2006
[9] Vgl.: Eigene Mitschrift der Vorlesung von Prof. Dr. A. Gingrich zur Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie zum Thema: Die Nordamerikanische Anthropologie Teil 2, Universität Wien: WS 2005/ 2006.
